Work-Life-Integration – so leben Freelancer.

Waren wir bis vor kurzem noch dabei, die Work-Life-Balance zu optimieren, entwickelt sich dieses Modell inzwischen weiter zur Work-Life-Integration und wird von der Fachwelt als Bestandteil des „Arbeitslebens 2020“ angesehen: Dahinter verbirgt sich das Aufweichen der traditionellen Arbeitszeiten und Arbeitsorte, also das immer und überall arbeiten im „persönlichen Rhythmus“. Lesen Sie dazu meine persönliche Erfahrung:

Für uns Freelancer ist Work-Life-Integration Standard, arbeiten die meisten von uns doch von zu Hause aus, und gehen mehr oder weniger häufig zu ihren Kunden, um dort zu arbeiten und an Meetings und Präsentationen teilzunehmen.

Im Home Office zu arbeiten heißt für uns: immer erreichbar sein, egal, ob frühmorgens, am Abend oder am Wochenende. Wenig Abstand zur Arbeit bekommen, wenig abschalten können, auch tagsüber ansprechbar für die Familie und gelangweilte Freundinnen am Telefon zu sein und zwischendurch mal schnell die Waschmaschine und den Trockner laufen lassen oder Termine in der Schule, in der KiTa oder bei Ärzten wahrzunehmen, wenn man Kinder hat. Es gibt also keine Trennung mehr zwischen Arbeit und Privatleben.

Ein Szenario, das auch ich gewohnt bin, seit ich mich 2008 selbstständig gemacht habe. Für mich war diese Art zu arbeiten die Chance, für meinen Sohn da zu sein und gleichzeitig Vollzeit arbeiten zu können. Im Mai 2013 habe ich dieses Szenario ganz bewusst verlassen, um für mich ein professionelles Arbeitsumfeld mit festen Geschäftszeiten zu generieren – und die Balance zwischen Arbeitszeit und Freizeit wieder herzustellen im Sinne einer optimalen Work-Life-Balance.

Die VillaMedia in Wuppertal-Elberfeld erschien mir damals als das geeignete Objekt: ein Standort mit vielen kleinen Medienunternehmen, also Menschen in ähnlichen Lebenssituationen. Das Fazit daraus: Die Freude an dem schönen Büroraum wurde sehr schnell getrübt, denn er war a) laut, b) kalt und c) viel einsamer als erwartet. Und was ich unterschätzt hatte: Die Rüstzeiten waren relativ hoch, es gab immer Zeiten, in denen ich für meine Kunden nicht gut zu erreichen war. Gründe genug also, meinen befristeten Mietvertrag nicht zu verlängern. Inzwischen hatte ich jedoch auch eine Minijobberin und zwei freie Mitarbeiterinnen auf Honorarbasis, so dass ich nicht einfach alles wieder nach Hause holen konnte.

Ich entschloss mich also, ein gerade leer gewordenes Ladenlokal in Vohwinkel an der Kaiserstraße „unter der Schwebebahn“, ganze nahe meiner Wohnung anzumieten. Ende Februar 2014 zogen wir dort ein. Im Rückblick war das einzig Schöne der kurze Fußweg, den ich manchmal mehrmals täglich zurückgelegt habe. In einem Ladenlokal ein Büro einzurichten, war eine Schnapsidee – wird man so doch zur Auskunft, zum Paketumschlagplatz, zur Mülltonnenbewegerin und Handwerkerbetreuerin – was grundsätzlich nicht schlimm ist, einen aber doch oft vom Arbeiten abgehalten hat – auch wenn es jedes Mal nur für ein paar Minuten war.

Das Schlimmste aber war in den beiden Jahren der Aufbau von extrem hohen, persönlichen Druck: Der Druck einerseits, nicht genügend geschafft zu haben in der zur Verfügung stehenden Zeit, und der Druck andererseits, einen regelmäßig sehr hohen Monatsumsatz machen zu müssen, der dann wieder höhere Kosten durch steigende Steuern und Abgaben nach sich zog – ein Hamsterrad, in dem ich mich nicht mehr weiterdrehen wollte. Dazu gesellte sich dann noch, dass mein „Brot- und Butter-Geschäft“ im Spätsommer 2014 drohte an eine andere Agentur vergeben werden. Zeit, die Notbremse zu ziehen!

Im neuen Jahr 2015 bin ich also wieder dort, wo ich angefangen habe: Im Home-Office! Und freue mich sehr darüber. Es ist nicht falsch, zwischendurch den Haushalt zu schmeißen und zwischendurch Zeit mit meinem Sohn zu verbringen. Letztendlich ist es diese lässige Verbindung von Arbeiten und Freizeit, diese Work-Life-Integration, die für alle eine Win-Win-Situation bringt: Mein Sohn wird nicht mehr grundlos angebrüllt, ich flippe nicht mehr bei Kleinigkeiten aus, weine keine Tränen der Verzweiflung mehr, jammere nicht mehr rum und meine Kunden können mich wieder um 8.00 Uhr morgens oder um 20:00 Uhr abends oder Sonntagsnachmittags anrufen – der Rechner läuft …

Vor meinem Auszug 2013 hatte mich gerade diese Situation sehr genervt, aber es bedurfte nur ein paar kleiner organisatorischer Maßnahmen, um sie aufzulösen:  Ich gönne mir einfach mal eine schöne Mittagspause in der Stadt oder auf dem Balkon und nutze konsequent alle wunderbaren Zeitmanagement-Strategien, die ich im Laufe meines Arbeitslebens gelernt habe: Störungsfreie Zeitfenster schaffen für E-Mails, für Telefonate, für konzeptionelles Arbeiten, dabei Luft lassen für nicht vorhersehbare Schnellschüsse wie „Können Sie mal eben einen Text Korrektur lesen …“ und die ToDo’s so zu planen, dass sie auch wirklich zu schaffen sind und nicht in lange Listen ausarten, die kein Mensch mehr bewältigen kann. Der gute alte Anrufbeantworter läuft zu neuer Höchstform auf und dank DSL sind meine Rufnummern so gesplittet, dass wir über je eine geschäftliche und private Rufnummer mit separaten Anrufbeantwortern verfügen.

Für Selbstständige, die sich in ähnlichen Situationen befinden: Es hätte noch eine Alternative gegeben: Weiter wachsen! Den Minijob zur Festanstellung zu machen und mit dieser Unterstützung mehr Aufträge akquirieren und abwickeln zu können. Damit hätte ich den nicht zu unterschätzenden Verwaltungsteil delegieren und selbst mehr lukrativeres Geschäft generieren können. Doch dazu bedarf es a) finanzieller Mittel in erheblichem Umfang und b) persönlicher Unterstützung durch die Familie, ebenfalls in erheblichem Umfang. Da ich aber Anfang 50 bin und keine 30 mehr, war das für mich keine Option. Der Businessplan von 2008 ist auch voll erfüllt, darauf bin ich stolz und jetzt denke ich über Arbeit 50+ neu nach. Dazu demnächst mehr hier in der Rubrik „Aktuelles“.

Das Gefühl, jetzt wieder alles locker schaffen zu können, macht mich sehr zufrieden – ich bin wieder die kleine, schlagkräftige und äußerst flexible Einheit, die meine Kunden kennen – selbst wenn die Aufträge etwas weniger werden sollten, was derzeit zum Glück nicht der Fall ist. Dafür bedanke ich mich bei meinen langjährigen und bei meinen neu gewonnenen Kunden. Ich freue mich sehr darauf, gute Projekte für Sie zu managen, meine Ideen und meine Kreativität für Sie einzusetzen und dazu beizutragen, dass Sie zufrieden sind!

(Auszüge dieses Beitrages wurden im Fachmagazin Event Partner Ausgabe 2/2016 veröffentlicht, siehe unter:
http://www.event-partner.de/business/die-grosse-frage-der-freelancer-homeoffice-oder-externes-buero/)

http://www.experteer-blog.de/magazin/die-neue-norm-fuer-manager-work-life-integration-statt-work-life-balance/

http://himbeerwerft.de/2014/11/dinge-die-man-zu-selbststaendigen-im-home-office-nie-sagen-sollte/

 

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